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Hugo von HofmannsthalDie prosaischen Schriften gesammelt in drei Bänden:
Band 3
(1917)

cover: Die prosaischen Schriften gesammelt in drei Bänden
Autor
GND-Nummer
Ort
Verlag
S. Fischer Verlag
Erscheinungsjahr
Umfang
202 Seiten
Thema
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Sprache
deu
Publikationstyp
Buch (book)
Aufnahmedatum
2026-10-13
Zuletzt aktualisiert am
2026-10-13 11:09:46
Elektronische Ausgabe erstellt von
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Büchersammlung
Zusätzliche Beschreibung der Ausgabe:
Ein Buch aus Vittorio
Mit unschätzbarer Hilfe künstlicher Intelligenz bei der historischen Recherche

Manchmal bewahrt ein altes Buch nicht nur den Text, der auf seinen Seiten gedruckt steht.
Diesen Band von Hugo von Hofmannsthal nahm ich zunächst einfach als Buch in die Hand: Die prosaischen Schriften gesammelt. Dritter Band. Berlin, S. Fischer Verlag, 1917. Doch auf einer der ersten Seiten entdeckte ich eine handschriftliche Widmung:

Meinem angenehmen Kollegen Justin Baum
zum Andenken an das friedliche Weihnachten 1917 u.
das entscheidungsvolle neue Jahr 1918 Franz Wieselsberger
Vittorio, 4. Januar 1918.

Auf den ersten Blick eine gewöhnliche Widmung. Zwei Namen, ein Datum, ein Ort. Doch beginnt man, nach diesen Namen zu suchen, tritt hinter den wenigen Zeilen die Geschichte zweier junger Männer hervor – und mit ihr die Geschichte einer ganzen Epoche.
Justin Baum war damals vierundzwanzig Jahre alt. Er wurde am 24. September 1893 in Bamberg als Sohn des Kaufmanns Wilhelm Baum und seiner Frau Anna, geborene Bettmann, geboren. Vor dem Krieg hatte er unter anderem in Würzburg, München und Berlin studiert. Doch seit September 1915 gehörte sein Leben nicht mehr der Universität. Er war Soldat geworden.
Baum diente als Gefreiter im 2. Bayerischen Jägerbataillon, in der 4. Kompanie und der Maschinengewehrkompanie. Bereits am 20. September 1915, wenige Wochen nach seinem Dienstantritt, wurde er verwundet. Für ihn dauerte der Krieg dennoch bis zum Waffenstillstand: Erst am 18. November 1918 endete offiziell seine Militärdienstzeit. Er erhielt das Eiserne Kreuz II. Klasse und das Verwundetenabzeichen in Schwarz. Später, im Jahr 1935, wurde ihm auch das Ehrenkreuz für Frontkämpfer verliehen.
Anfang Januar 1918 befand sich Baum in Italien.
Und hier tritt der zweite Mann aus der Widmung in Erscheinung: Franz Wieselsberger.
Auch er war noch jung. Die Unterlagen der Universität München lassen sogar eine kleine Wendung in seinem Lebenslauf erkennen. Im Wintersemester 1914/15 studierte Franz Wieselsberger aus München noch Rechtswissenschaften und wohnte in Solln, Heinrich-Vogl-Straße 18. Später wechselte er zur Medizin. In den Universitätsverzeichnissen der Kriegsjahre findet sich neben seinem Namen der knappe Vermerk: „Im Heere“.
Wie Baum und Wieselsberger einander kennenlernten, wissen wir bislang nicht. Vielleicht kannten sie sich bereits aus München, vielleicht begegneten sie sich erst während des Militärdienstes. Auch was Wieselsberger mit der Anrede „Kollege“ genau meinte, bleibt offen: einen Studienkollegen, einen Kameraden im Dienst oder einfach eine unter ihnen übliche Anrede.
Eines aber steht fest: Am 4. Januar 1918 verband die beiden Männer ein Ort und ein Buch.
Diesen Ort bezeichnete Wieselsberger mit einem einzigen Wort: Vittorio.
Höchstwahrscheinlich handelt es sich um die Gegend des heutigen Vittorio Veneto in Norditalien. Winter 1917/18. Die Offensive bei Caporetto lag erst wenige Wochen zurück. Die italienische Armee hatte sich zurückgezogen, die Front hatte sich am Piave stabilisiert.
Und irgendwo dort, unter den denkbar unliterarischen Umständen eines Weltkrieges, befand sich ein gerade erst erschienenes Buch von Hugo von Hofmannsthal.
Was damals geschah, lässt sich nur so weit rekonstruieren, wie es die Widmung erlaubt. Weihnachten 1917 war vorüber. Wieselsberger bezeichnete es als „das friedliche Weihnachten“. Vielleicht waren es einige vergleichsweise ruhige Tage mitten im Krieg gewesen, so ungewöhnlich, dass man sie in Erinnerung behalten wollte.
Vor ihnen lag das Jahr 1918.
Wieselsberger nannte es „das entscheidungsvolle neue Jahr“.
Damit erwies er sich beinahe als Prophet.
Bis zum Ende des Krieges blieben nur noch etwas mehr als zehn Monate.
Justin Baum kehrte nach Hause zurück. Er schloss seine juristische Ausbildung ab, legte 1922 die erste Staatsprüfung ab und war seit 1925 als Rechtsanwalt in Aschaffenburg tätig. Er gründete eine Familie: Seine Frau hieß Margarete, seine Tochter Edith-Esther. Der Krieg schien der Vergangenheit anzugehören.
Doch schon dieser Krieg hatte von der Familie Baum einen furchtbaren Preis gefordert. Zwei Brüder Justins waren als deutsche Soldaten gefallen: Edmund im Jahr 1915, Albert am 31. August 1918, als das Kriegsende bereits nahe war.
Justin selbst hatte überlebt.
Und hier verbindet sich die Geschichte dieses Buches auf unerwartete Weise mit einem anderen Kapitel deutscher Geschichte.
Noch 1935 ehrte Deutschland Justin Baum als Frontkämpfer des Ersten Weltkrieges. Er hatte drei Jahre in der deutschen Armee gedient, war verwundet und mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet worden.
Doch Justin Baum war Jude.
Am 30. November 1938 wurde ihm die Zulassung als Rechtsanwalt entzogen. Sein Name findet sich in den Verzeichnissen jener jüdischen Rechtsanwälte Bayerns, denen der nationalsozialistische Staat die Ausübung ihres Berufes untersagte.
Ab Februar 1939 durfte er nur noch als sogenannter „Rechtskonsulent“ tätig sein, also ausschließlich jüdische Mandanten rechtlich beraten.
Am 5. März 1943 verhaftete die Gestapo Justin Baum. Ohne Anklage wurde er in das Gefängnis in Fürth gebracht, wo er mehr als ein Jahr verbringen musste.
Am 14. August 1944 wurde er nach Auschwitz deportiert.
Der letzte bekannte Nachweis, dass er noch am Leben war, stammt vom 23. Dezember 1944.

Fast auf den Tag genau siebenundzwanzig Jahre waren seit jenem „friedlichen Weihnachten“ des Jahres 1917 vergangen, an das Franz Wieselsberger mit seiner Widmung erinnert hatte.
Im Januar 1945, während der Räumung von Auschwitz, gelangte Justin Baum in das Konzentrationslager Groß-Rosen.
Dort kam er ums Leben. Er war einundfünfzig Jahre alt.
Seine Frau Margarete und seine Tochter Edith-Esther überlebten die nationalsozialistische Verfolgung.
Auch Franz Wieselsberger überlebte den Ersten Weltkrieg. Er kehrte zur Medizin zurück und wurde Arzt. Viele Jahre später begegnet uns sein Name erneut in München. Im Ärzteblatt für Bayern vom Juli 1939 findet sich unter den Ärzten, die sonntags Bereitschaftsdienst leisteten, der Eintrag:
Dr. Wieselsberger Frz., Agnesstr. 53.
Eine gewöhnliche Zeile in einem Verzeichnis. Der Alltag eines Münchner Arztes.
Ob Wieselsberger und Baum einander nach dem Ersten Weltkrieg wiedersahen, wissen wir nicht. Ebenso wenig wissen wir, ob Wieselsberger jemals erfuhr, was mit dem Mann geschah, dem er einst einen Band Hofmannsthal geschenkt hatte. Nicht einmal, wie lange das Buch in Justin Baums Besitz blieb und auf welchem Weg es seine Bibliothek verließ, lässt sich bislang sagen.

Und es ist wichtig, dieses Unbekannte unbekannt zu lassen. Jedes historische Dokument hat seine Grenzen. Dahinter beginnt die Erfindung.
Das Buch selbst aber hat überdauert.
Auf dem Titelblatt steht die Jahreszahl 1917. Auf dem Vorsatzblatt die Handschrift eines Mannes, der den Ersten Weltkrieg überleben sollte.
Vittorio, 4. Januar 1918.

Und daneben der Name eines anderen Mannes, der damals noch nicht ahnen konnte, dass er einen Weltkrieg überleben, sich danach eine Existenz aufbauen und von Deutschland für seinen Kriegsdienst ausgezeichnet werden würde – um schließlich von demselben Land wegen seiner jüdischen Herkunft verfolgt und ermordet zu werden:
Justin Baum.
Hundertacht Jahre später fand ich dieses Buch bei fliegenden Antiquaren im Zentrum Münchens.
Man schlägt es auf, und plötzlich sind die wenigen Zeilen, die im Januar 1918 mit Tinte geschrieben wurden, nicht mehr bloß eine alte Widmung.
Es ist nicht mehr nur ein Exemplar von Hofmannsthals Schriften.
Es ist ein Gegenstand, der seinen einstigen Besitzer überlebt hat.
Und vielleicht fällt es besonders schwer, über die letzten Worte des jungen Franz Wieselsberger hinwegzulesen:
„das entscheidungsvolle neue Jahr 1918“.
Er schrieb damals über das gerade begonnene Jahr.

Doch heute, da wir das weitere Schicksal Justin Baums kennen, lesen wir diese Worte mit anderen Augen.